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Mit zwei PS pflanzen, pflügen, ernten und ...Strom erzeugen !?

von Erhard Schroll

 Ein  Besuch auf dem Hof Heckseifen im Siegerland

Im südlichen Zipfel Nordrhein-Westfalen, etwas abseits von den grossen Durchfahrstrassen und östlich der Autobahn A 45- der Sauerlandlinie - befindet man sich mitten im Siegerland. Die Orte haben Namen wie Niederholzklau oder Oberholzklau und geben Hinweis auf die traditionell intensive  forstwirtschaftliche Nutzung der bergigen Landschaft und dem teilweise doch sehr eigentümlichen Umgang der Bevölkerung mit dem reichlich vorhandenen Naturprodukt.

An einer kleinen Landstrasse auf der Gemarkung Langenholdinghausen, die durch eines der vielen verzweigten Täler führt, stösst man auf eine Schild „Kartoffeln aus eigenem Anbau“, das neben einem amerikanisch gestylten Briefkasten am Wegesrand aufgestellt wurde.

Folgt man diesem Wegweiser, so gelangt man nach wenigen hundert Metern auf ein recht gross angelegtes modernes landwirtschaftliches Anwesen. Dem pferdeinteressierten Besucher fällt sofort auf, dass neben dem modernen Trecker und den entsprechenden Anbaugeräten im Maschinenunterstand auch andere, etwas kleiner dimensionierte Gerätschaften sichtbar werden , die in der Regel mit Zugvorrichtungen für Pferde ausgestattet sind.

Es regnet in strömen als ich auf den Hof fahre. Niemand ist zu sehen. Unter einem Vordach regt sich etwas.

Hinter einem Gewusel undefinierbarer Maschinenteile und Gerätschaften taucht ein bekanntes Gesicht auf:

Holger Wied.  Obwohl ich wusste, dass er auch vom Arbeitspferdevirus infiziert ist, und irgendwo in der Nähe wohnt, hatte ich ihn eigentlich nicht hier erwartet. Wie sich später herausstellte nutzt er einen Teil seiner Zeit und die technischen Möglichkeiten auf dem Hof, um seine Eigenentwicklungen in puncto Pferdezuggeräte voranzubringen und seine Ideen praktisch umzusetzen. Gerade ist er dabei einen neuen Vorderwagen mit äusserst interessanter Zapfwellenkupplung zu konstruieren (bestimmt werden wir in einer der nächsten Ausgaben darüber berichten).

Lässt man den Blick über den Teil des Hofes schweifen springen einem überall irgendwelche Ersatz- und Geräteteile von Pferdepflügen, Vorderwagen, angefangene Metall-Konstruktionen, Achsen und Räder ins Auge, die auf einen ausgeprägten Tüfftler hinweisen. Ich bin auf dem Hof von Kurt Ohrndorf dem „Daniel Düsentrieb der nordrhein-westfälischen Zugpferdeszene“.

Mit zwei PS pflanzen, pflügen und ernten

 Gemeinsam mit seiner Frau  Christine  und ihren drei fleissigen Töchtern  bewirtschaftet Kurt Ohrndorf einen Milchviehbetrieb mit 50 Milchkühen und 30 Rindern, die die Haupteinnahmequelle des Betriebes darstellen. Zusätzlich beherbergen die Stallungen noch 12 Pensionspferde und - das unterscheidet ihn von den meisten seiner Berufskollegen - 3 Kaltblüter für den Arbeitseinsatz im Betrieb. Von den 60 ha LNF  die vorwiegend dem Feldfutterbau dienen, sind  6 ha Ackerland von denen auf einem halben Hektar Kartoffeln und auf ca. 11/2 Hektar Getreide angebaut wird. Einem ökologischen Anbauverband gehören die Ohrndorfs nicht an, geben sich aber grosse Mühe, besonders umweltverträglich  zu wirtschaften.

Vor mehr als  sechs Jahren hat Kurt mit der damals dreijährigen westfälischen Kaltblutstute Nelly die Pferdearbeit wieder aufgenommen, nachdem seine Familie Mitte der 60er Jahre zur Mechanisierung übergegangen war. Zuerst gewöhnte er Nelly an das Geschirr, das ein befreundeter Farmer aus Ohio/USA angefertigt hatte, bis sie leichte Arbeiten, wie das Herausfahren der Futterreste aus dem Stall erledigen konnte. Die jungen Pferde - Dusty und Daisy  „sind dann immer mitgegangen, wenn ihre Mutter auf dem Feld war. So haben sie von anfang an die Arbeit kennengelernt und ihre Scheu verloren“.

Die Arbeit mit den Pferden war diesmal aber nicht der Grund meines Besuches. Jahreszeitlich bedingt gab es da sowieso nicht viel zu sehen und die Pferde genossen ihre Urlaubszeit im Stall oder Auslauf oder vergnügten sich bei gelegentlichen Ausritten.

Vielmehr interessierte mich eine weitere Besonderheit des Betriebs, die allerdings auch indirekt etwas mit den Pferden zu tun hat.

... und Strom erzeugen

 Als ich Kurt erblicke, steht er - natürlich im Regen - mit der Mistgabel in der Hand vor einem Berg Pferdemist und schaufelt diesen nach und nach in eine Öffnung der Betonplatte auf der er sich befindet. Er ist gerade am Füttern.  Am Füttern ?! Richtig gelesen : er füttert, und zwar Bakterien. Die Betonplatte auf der er sich befindet ist der Deckel des Gärbehälters seiner Biogasanlage.

 Den eigenen Hof  im Sinne einer umweltverträglichen Kreislaufwirtschaft mit selbstproduzierter Energie zu betreiben, das war schon lange eine Idee des Siegerländer Bauern und im August 1998 war es schliesslich soweit: Seitdem wird auf dem Hof Heckseifen der Flüssig- und Festmist der Kühe, Rinder, sowie der Pferde in einer eigenen Biogasanlage verwertet und beispielhaft demonstriert, wie man Energie gewinnen und gleichzeitig die Umwelt entlasten kann.

Der auf dem Hof anfallende Mist wird in einem 230 Kubikmeter grossen, unterirdischen Gärbehälter aus Beton gesammelt. Die Gülle wird darin bei 35°C unter Luftabschluss von Bakterien vergoren. Dabei entsteht Biogas, das gesammelt und über ein Rohrsystem in einen Container geleitet wird, in dem sich ein Foliensack mit 70 cbm Fassungsvermögen befindet. Von dort aus wird das methanhaltige Biogas über eine weitere Rohleitung zu einem PKW-Motor gebracht, in dem es direkt verbrannt wird.. Der Gasmotor treibt dabei einen Genrerator an, der Strom erzeugt und in das Stromnetz einspeist. Die Abwärme des Gasmotors wird zu Beheizung des Gärbehälters, der Wohn- und Betriebsgebäude sowie zur Warmwasserbereitung genutzt.

 Zunächst wird der gesamte eigene Strombedarf des Bauernhofes gedeckt. Der überschüssige Strom wird gegen eine Einspeisungsvergütung in das Netz der RWE eingespeist. Auf diese Weise wurden von August 1998 bis Januar 1999 insgesamt 22.500 Kilowattstunden in das öffentliche Netz eingespeist. Nach der Wirtschaftlichkeitsberechnung eines Frankfurters Ingenieurbüros kann die Anlage 57.000 kWh Strom und 100.000 kWh Wärme pro Jahr bereitstellen.

Die vergorene Gülle wird anschliessend wie gewohnt auf den Feldern des Hofes ausgebracht. Angenehmer Nebeneffekt der Biogasanlage ist dabei, dass der Düngewert der Gülle und ihre Pflanzenverträglichkeit durch die Vergärung verbessert werden. Zusätzlich wird die Geruchsbelästigung beim Ausfahren der Gülle deutlich reduziert.

Gewusst wie !

 Rund 120.000 DM hätte die Biogasanlage gekostet, wäre sie von einem Fachbetrieb gebaut und installiert worden. Nicht so bei Kurt Ohrndorf. Was der Siegerländer Bauer mit einfachen Mitteln auf die Beine gestellt hat, würde selbst einem schwäbischen Tüfftler zur Ehre gereichen: Das Meiste ist selbst angefertigt und ausgedacht und selbst auf komplizierteste  Fragestellungen wurden relativ einfache einfache Lösungen gefunden.

So ist das Herzstück der Anlage kein topmodernes Blockheizkraftwerk für zehntausende von Mark, sondern ein alter Opelmotor vom Schrottplatz, für wenige hundert Mark, der seine Aufgabe bisher aber störungsfrei und zur vollen Zufriedenheit erledigt. Bei dem, von ihm über eine Kupplung angetriebenen Generator handelt es sich um einen gebrauchten 15 -kW Elektromotor aus einem alten Heugebläse. Den Schaltschrank, in dem alle notwendigen Temperatur- und Druckmessungen zur Steuerung des Blockheizkraftwerkes zusammenlaufen, fertigten Schüler einer Berufsschule an. Das erzeugte Biogas wird in einem Foliensack gesammelt, der sicher in einem alten Seecontainer untergebracht ist. Das Problem der  notwendigen Zufuhr von Sauerstoff in den Gärbehälter zu deren Lösung viele Ingeneurbüros aufwendige Modelle konzipiert haben, löste Kurt Ohrndorf mit Hilfe von zwei einfachen Aquarienpumpen für ein paar Mark aus dem Zoo-Fachgeschäft.

Warum also kompliziert wenn´s auch einfach geht ?  Mehr als 30.000 DM konnten auf diese Weise eingespart werden und zusammen mit der Förderung des Landes NRW hielten sich die tatsächlichen Investitionskosten im erträglichen Rahmen.

Pferdepower mit Nachbrenner

 60 Grossvieheinheiten sind mindestens nötig, damit eine Anlage wie diese rentabel betrieben werden kann. Der grösste Teil des verarbeiteten Mistes stammt bei den Ohrendorfs aus dem Kuhstall. Die 15 Pferde liefern zwar nicht die grosse Menge an Biomasse, ihr Mist ist aber, als Festmist mit seinem höheren Strohanteil, als Futter für die Bakterien  wesentlich gehaltvoller als der Mist aus dem Kuhstall.

Ein Pferd produziert so ca. 2 cbm Biogas am Tag (Kuh ca. 1,5 cbm). Da aus einem Kubikmeter 1,3 kWh Strom und zusätzlich 2,6 kWh Wärmeenergie gewonnen werden kann, wären das am Tag 2,6 kWh Strom und 5,2 kWh Wärmeenergie. Auf das Jahr umgerechnet erzeugen so allein die drei Arbeitspferde Nelly, Daisy und Dusty soviel Strom, wie ein Einfamilienhaus im Jahresdurchschnitt verbraucht  (ca. 2500 -3000 kWh). Zusätzlich hierzu käme dann noch die gewonnene Wärmeenergie von beinahe 6000 kWh, was einem Heizwert von ungefähr 600 Litern Heizöl entspricht, und nicht zu vergessen, als Endprodukt einen hochwertigen pflanzenverträglichen Dünger !

Zu der enormen Energieeinsparung und Ressourcenschonung zu der ein intensiver Einsatz von Pferden in der Land- und Forstwirtschaft beitragen könnte, käme so noch ein zusätzliches Energiepotential welches die Arbeitspferde in ihrer Energie- und CO²-Bilanz absolut konkurrenzlos erscheinen lässt.

 Voller Begeisterung erzählt Kurt Ohrndorf vom Bau der Anlage, von den Problemen, die aufgetreten sind und von den Möglichkeiten, die sich für ihn ergeben. Er hat sich in den letzten Jahren zum Fachmann in Sachen Biogas gemausert. Gerade wurde über die Presse veröffentlicht, dass ab 1. Januar 2000  die Vergütung für die Einspeisung von Biogas-Strom ins öffentliche Netz stark angehoben wird. Ein Glücksfall für ihn, da sich so die Anlage viel früher als in den geplanten 8 Jahren amortisieren wird.

 Wir stehen im Pferdestall und aus dem Radio schallt laut Musik. Kommentar von Kurt: „Das Radio wird von dem betrieben, was die Pferde heute nacht geäppelt haben“.

Für ihre Bemühungen um unser Klima und für ihre besonders ökologische Leistung wurde die Familie Ohrndorf im Januar 1999 vom BUND- Siegen-Wittgenstein mit einem Umweltpreis ausgezeichnet

 

Stichwort: Treibhauseffekt und Biogas

Unter dem Treibhauseffekt versteht man die Erwärmung der Erdatmosphäre aufgrund einer durch Spurengase verursachten geringeren Wärmeabstrahlung der Erdoberfläche. Massgeblich daran beteiligt ist die Erhöhung des CO²-Gehaltes  durch die Verbrennung fossiler Energieträger. Zunehmend diskutiert wird auch der Einfluss von Ammoniak und Methan (CH4) auf unser Klima. In beiden Fällen ist die Landwirtschaft ein wichtiger Emittent. Methan hat eine besonders massive Klimawirkung.

 Aufgrund arbeitswirtschaftlicher Vorteile haben Flüssigmistsysteme stark an Bedeutung gewonnen. Damit einhergehend sind aber die Methanemissionen aus den tierischen Exkrementen stark angestiegen. Nach Heyer, 1994 verursachen die Flüssigmistsysteme in der BRD rund 90 % der Methanfreisetztungen aus den Exkrementen.

Eine einfache wie geniale Lösung bietet die energetische Nutzung des Methans über Biogasanlagen mit Kraft- Wärme-Kopplung.

Dabei werden gleichzeitig zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Einmal kann fossil erzeugter nicht CO² neutraler Strom durch erneuerbaren und damit CO² neutralen Strom ersetzt werden. Zum anderen wird die Klimawirkung des energetisch genutzten Methans ausgeschaltet. Beides reduziert die globalen Folgekosten der Klimaerwärmung.

Schätzungen  zufolge können Anlagen in der Grössenordnung der Ohrendorfschen  ca. 170.000 DM pro Jahr an globalen Folgekosten vermeiden (Rünzi, 1998).

Neben dem Klimaaspekt werden gleichzeitig aber noch andere Vorteile erzielt:

  • - Verbesserung der Fliesseigenschaften der Gülle,

  • - damit besser aufbereiteter und pflanzenverträglicher Dünger,

  • - wegen fehlender Ätzwirkung kann Biogasgülle als Kopfdünger eingesetzt werden. Durch eine damit verbundene bessere Nährstoffaufnahme der Pflanzen ergibt sich eine geringere Auswaschung aus dem Boden und eine verringerte Gewässerbelastung-

  • - niedrigerer Düngemitteleinsatz

  • - Verringerung krankheitserregender Keime,

  • - Verminderung der Keimfähigkeit von Unkrautsamen und eine

  • - reduzierte Geruchsintensität.

 Quellen: Manfred Rünzi, „Klimawirkung landwirtschaftlicher Biogasanlagen - Versuch einer monetären Bewertung“ in: BioGas-Journal, Nr.3/1998