Charlie
Pinney
Hätte man ihn
einen Missionar genannt, dann hätte er gelacht und sich mit einer witzigen Antwort gegen
eine solche Bezeichnung gewehrt. Und doch drängt sich der Vergleich auf. Wie seinerzeit
der hl. Bonifatius reiste er kreuz und quer durch Europa, nur mit dem Nötigsten an
Kleidung und Gepäck, einer Packung Zigaretten als Wegzehrung und der Fahrerkabine seines
Lorry als Unterkunft. Meistens fand er bei gläubigen Einheimischen, die ihn kannten, ein
Lager für die Nacht und eine stärkende Mahlzeit. In seinem Lorry häuften sich derweil
die Spuren seiner Missionsreisen: das T-shirt einer flämischen Pferdevereinigung, ein
portugiesisches Maultiergebiss, ein Strohhut von den Amischen aus Pennsylvania, ein
Strafzettel der französischen Polizei, der Kassenbeleg einer luxemburgischen Tankstelle,
die letzte Ausgabe einer deutschen Zugpferde-Zeitschrift, etwas englische, schottische
oder walisische Erde und ein zerfledderter Straßenatlas Europas.
Die
« frohe Botschaft », die er mit sich führte, bestand in der Regel aus einer
oder mehreren Maschinen für den Pferdezug. Es kam vor, dass der Empfänger von seiner
Bestellung nichts mehr wissen wollte oder kein Geld hatte, um diese zu bezahlen. Wenn er
Glück hatte, fand Charlie dann einen andern Abnehmer, möglicherweise ein paar hundert
Autobahn-Kilometer weiter.
Auf die
unzähligen technischen Anregungen, die von ihm ausgingen, soll hier nicht weiter
eingegangen werden, Charlies Verdienste auf diesem Gebiet sind unbestritten. Weniger
bekannt ist die Tatsache, dass es die internationale Vernetzung der Zugpferdeszene, wie
wir sie heute kennen, ohne ihn nicht geben würde. Er ist nachweislich der geistige Vater
der Europäischen Zugpferde-Föderation FECTU, die auf den von ihm geknüpften Kontakten
aufgebaut wurde und nunmehr vierzehn Vereinigungen aus acht verschiedenen Ländern
verbindet. Im Dezember 1994 schrieb er einen Brief an sechs Freunde in Italien,
Deutschland, Belgien, Frankreich und Luxemburg, in dem er die Gründung einer
europäischen Vereinigung der Zugpferdeleute vorschlug. Zehn Jahre lang hat er
unermüdlich für diese Idee geworben und an ihrer Verwirklichung mitgearbeitet. Sein
Weitblick, seine Kompetenz und sein notorisches Mißtrauen gegenüber Leuten, die keine
schmutzigen Fingernägel haben, sorgten dabei immer wieder dafür, dass bei allem
Idealismus die Menschen, die tagtäglich hinter den Arbeitspferden gehen und stehen, in
die Überlegungen einbezogen wurden.
Pit Schlechter (Präsident der Europäischen Zugpferdevereinigung FECTU)