wpe12.jpg (15295 Byte) Charlie Pinney

Hätte man ihn einen Missionar genannt, dann hätte er gelacht und sich mit einer witzigen Antwort gegen eine solche Bezeichnung gewehrt. Und doch drängt sich der Vergleich auf. Wie seinerzeit der hl. Bonifatius reiste er kreuz und quer durch Europa, nur mit dem Nötigsten an Kleidung und Gepäck, einer Packung Zigaretten als Wegzehrung und der Fahrerkabine seines Lorry als Unterkunft. Meistens fand er bei gläubigen Einheimischen, die ihn kannten, ein Lager für die Nacht und eine stärkende Mahlzeit. In seinem Lorry häuften sich derweil die Spuren seiner Missionsreisen: das T-shirt einer flämischen Pferdevereinigung, ein portugiesisches Maultiergebiss, ein Strohhut von den Amischen aus Pennsylvania, ein Strafzettel der französischen Polizei, der Kassenbeleg einer luxemburgischen Tankstelle, die letzte Ausgabe einer deutschen Zugpferde-Zeitschrift, etwas englische, schottische oder walisische Erde und ein zerfledderter Straßenatlas Europas.

Die « frohe Botschaft », die er mit sich führte, bestand in der Regel aus einer oder mehreren Maschinen für den Pferdezug. Es kam vor, dass der Empfänger von seiner Bestellung nichts mehr wissen wollte oder kein Geld hatte, um diese zu bezahlen. Wenn er Glück hatte, fand Charlie dann einen andern Abnehmer, möglicherweise ein paar hundert Autobahn-Kilometer weiter.

 Höchstwahrscheinlich hat  er mehr Geld in die Entwicklung und die Lieferung seiner Maschinen gesteckt, als er je damit verdiente. Das war nicht leicht für ihn, und es war sicher nicht leicht für seine Familie.

 Auf die Nachricht von seinem Tod hin sagte ein gemeinsamer Freund über ihn: ” Ein Mensch mit einer Seele und einer Vision, einer der, wie die wirklich erhabenen Menschen, ohne sich zu beklagen die Konsequenzen akzeptiert, die seine Sicht der Dinge nach sich zieht.”  Im Lichte dieser Feststellung wird erkennbar, dass der für Charlie so typische Humor weit über ein einfaches Witzereißen hinausging. Der Humor erlaubte es ihm, die zahlreichen Rückschläge und die Missachtung von Seiten überheblicher Ignoranten zu überspielen und zu verkraften. Diesen Humor zu behalten hat ihn sicher viel Kraft und Energie gekostet, er hat ihn auch während seiner schweren Krankheit nicht aufgegeben.

 Der wirtschaftliche Erfolg ist Charlie zeitlebens verwehrt geblieben. Im Nachhinein könnte man sogar glauben, dass er ihn nie wirklich angestrebt hat. Vielleicht haben sogar andere, die seine Maschinen und Geräte kopierten, damit mehr Geld verdient als er. Vorrangig war für ihn die technische Weiterentwicklung von Geräten, die den Einsatz von Arbeitspferden leichter, effizienter und populärer machen könnten. So bescheiden die wirtschaftliche Bilanz seines Lebens auch ausfallen mag, so enorm sind andererseits die Impulse, die er der modernen Nutzung von Arbeitstieren auf technischer und philosophischer Ebene gegeben hat.

Auf die unzähligen technischen Anregungen, die von ihm ausgingen, soll hier nicht weiter eingegangen werden, Charlies Verdienste auf diesem Gebiet sind unbestritten. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass es die internationale Vernetzung der Zugpferdeszene, wie wir sie heute kennen, ohne ihn nicht geben würde. Er ist nachweislich der geistige Vater der Europäischen Zugpferde-Föderation FECTU, die auf den von ihm geknüpften Kontakten aufgebaut wurde und nunmehr vierzehn Vereinigungen aus acht verschiedenen Ländern verbindet. Im Dezember 1994 schrieb er einen Brief an sechs Freunde in Italien, Deutschland, Belgien, Frankreich und Luxemburg, in dem er die Gründung einer europäischen Vereinigung der Zugpferdeleute vorschlug. Zehn Jahre lang hat er unermüdlich für diese Idee geworben und an ihrer Verwirklichung mitgearbeitet. Sein Weitblick, seine Kompetenz und sein notorisches Mißtrauen gegenüber Leuten, die keine schmutzigen Fingernägel haben, sorgten dabei immer wieder dafür, dass bei allem Idealismus die Menschen, die tagtäglich hinter den Arbeitspferden gehen und stehen, in die Überlegungen einbezogen wurden.

 Die Fortschritte der modernen Nutzung von Arbeitstieren sind nur schwer zu messen, und einigen von uns sind sie zu langsam und zu bescheiden. Aber es gibt sie zweifelsohne. Man braucht sich bloß vorzustellen, wo wir heute stünden, wenn nicht eine Handvoll “Verrückter”, allen voran Charlie, in den letzten drei Jahrzehnten gegen den Untergang und für eine Wiederbelebung der Zugpferdenutzung in Europa gekämpft hätten.

 Wir verdanken Charlie ungeheuer viel und werden ihn in bleibender Erinnerung behalten. Mehr als einmal werden wir bedauern, ihn nicht mehr um seine Meinung und seinen Rat bitten zu können.

 Am liebsten stelle ich ihn mir vor, wie er drüben gutgelaunt und bei einem kühlen Bier mit dem hl. Bonifatius Erinnerungen austauscht, über die Freuden und Leiden des Missionierens.

Pit Schlechter (Präsident der Europäischen Zugpferdevereinigung FECTU)